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Frühling
Das geistliche Wort | 23.03.2025 | 00:00 Uhr
Autorin: Jetzt ist es wieder so weit. Der Frühling ist da. Am 21. März waren Tag und Nacht gleich lang. Meteorologisch ist das auf der Nordhalbkugel dieser Erde der Beginn des Frühlings. „Selbst der strengste Winter hat Angst vor dem Frühling“ – heißt ein Sprichwort in Finnland. Ja, zum Glück. Denn der Frühling lässt sich nicht aufhalten. In den grauen Tagen des Winters sehne ich ihn herbei…und auf einmal gibt es diesen Moment: Da trete ich vor die Tür und weiß: Jetzt ist er da. Ich rieche ihn, ich schmecke ihn. Er liegt in der Luft. Niemand wird ihn mehr aufhalten. Endlich: Leichte Kleidung, Sonnenstrahlen auf der Haut, ein Stück Kuchen im Straßencafé, die Blumen, die an allen Ecken und Enden aus dem Boden sprießen. Gelbe, blaue, rote. All diese Farben auf einmal wieder. Was für eine wundervolle Welt.
Musik 1: What a wonderful word
Komposition/Text/Interpret: Louis Armstrong; Album: The Very Best Of Louis Armstrong; Label: Universal; LC: 97777
Autorin: Louis Armstrong hat mit diesem Lied Geschichte geschrieben. Unzählige Male ist es gecovert worden. Im Herbst 1967 hat er es zum ersten Mal gesungen. Amerika durchlebte nicht nur eine Krise, sondern gleich mehrere. Auf den Straßen protestierten Hunderttausende gegen den Vietnamkrieg, die Bürgerrechtsbewegung war auf ihrem Höhepunkt. Es gab gewaltsame Aufstände in den schwarzen Ghettos.
Armstrong selbst kommt aus einem ärmlichen Milieu. Er kennt das Elend der Menschen, die unter Rassismus leiden, die ausgegrenzt werden, deren Fähigkeiten nicht anerkannt werden.
Und ausgerechnet er schenkt der Welt, schenkt uns dieses Lied: Ein Staunen über die Schönheit des Lebens, die Bäume und Blumen, das Blau des Himmels, die herrlichen Wolken.
Für mich ist das ganz klar ein Frühlingslied. Denn das Staunen begleitet mich in keiner anderen Jahreszeit so intensiv. Jeden Morgen öffnen sich die Knospen einer anderen Blüte. Kein Tag ist wie der andere. Alles sprießt, ohne dass ich einen Finger krümmen muss. Ich darf dabei sein, meine Augen öffnen, staunen: What a wonderful world.
Geradezu euphorisch wird der Frühling auch in manchen Büchern der Bibel besungen, wie hier im Hohen Lied, im Alten Testament:
Sprecherin: „Da ist die Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel. (…) Mein Freund antwortet und spricht zu mir. Steh auf meine Freundin, meine Schöne und komm her! Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin. Die Blumen sind aufgegangen im Lande, der Frühling ist herbeigekommen und die Turteltaube lasst sich hören in unserm Lande. Der Feigenbaum lässt Früchte reifen und die Weinstöcke blühen und duften. Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her.“ (1)
Autorin: Wer schon mal in Israel und Palästina war, der weiß, wie besonders die Frühlingstage dort sind. Denn nach dem Regen im Frühjahr, beginnt die Wüste zu blühen. Lauter kleine Pflanzen sprießen aus den trockenen Kalk- und Sandsteinböden. Wo eben noch alles leblos wirkt, wo eben noch verdorrte Äste, Sand und Steine zu sehen sind…wächst jetzt ein Blümchen. Und quasi über Nacht kommen tausende dazu. Ihre Samen lagen alle längst in der Erde. Sie brauchen nur den Regen. Das Wasser verwandelt die Landschaft in wenigen Stunden. „Der Frühling ist herbeigekommen. Steh auf meine Freundin und komm“ heißt es in dem Hohen Lied der Bibel. Ein Liebeslied, 2500 Jahre alt, immer noch voller Kraft: „Die Blumen sind aufgegangen im Lande, der Feigenbaum lässt Früchte reifen.“
Wer verliebt ist, hat Frühlingsgefühle. Mag sein, es gibt in diesen Frühlingswochen genau so viel unglücklich und glücklich Verliebte wie in allen anderen Monaten des Jahres.
Aber die Hoffnung auf das große Glück, sie passt zum Frühling. Die Sonne strahlt mit neuer Kraft, das Grün sprießt an allen Ecken und Enden, der Himmel ist so weit, der Horizont offen.
Musik 2: Für immer Frühling
Komposition: Simeon Kurt Böhm; Interpretin: Soffie; Album: Für immer Frühling; Label: soffie; LC: unbekannt
Autorin:Für immer Frühling – dieser Song von Soffie erstürmte im vergangenen Jahr völlig überraschend die Charts. Soffie ist eine deutsche Studentin und Sängerin, gerade mal 26 Jahre alt. An einem langen dunklen Wintertag erlag sie ihrer Sehnsucht. Dieses Lied entsteht. Am 8. Januar 2024 stellt sie eine kleine Hörprobe auf TikTok ein. Keine große Band, keine arrangierten Studioaufnahmen. Doch der Song verbreitet sich millionenfach. Leichtfüßig kommt er daher. In Windeseile. Wie ein Tanz, der sich seinen Weg in diese Welt bahnt. Leichtfüßig und doch entschieden, kraftvoll, nicht aufzuhalten.
Denn Soffie wünscht sich eine wärmere Welt. In jeder Hinsicht. Dass Menschen hier willkommen sind, dass kein Boot mehr im Mittelmeer versinkt. Dass die Waffenspeicher sich leeren und niemand hungern und frieren muss. Dass Kinder mehr zu sagen haben und die Mauern zwischen Menschen fallen.
Musik 2: Für immer Frühling
Über Nacht wird dieser Song bekannt und nicht nur das: Er wird zum beliebtesten Song auf den Demos gegen Rechts im Frühjahr 2024.
Die bis dahin unbekannte Studentin hatte – mitten im Winter – den Nerv der Zeit getroffen. Für immer Frühling!
Unzähligen Dichtern, Frauen und Männern, ist es genauso gegangen: Der Frühling inspiriert. Neue Songs, Gedichte, Verse, Geschichten entstehen, entfalten sich wie die Blüten an den Bäumen.
„Die Blumen des Frühlings sind die Träume des Winters“ schrieb der libanesische Schriftstelle Khalil Gibran.
Musik 3: Spring
Komposition: Michalis Koumbios; Interpret: Thomas Konstantinou; Album: Spring; Label: Worker Records; LC: unbekannt
Sprecherin: Nützliche Tipps für den Frühjahrsputz: Arbeiten Sie sich stets von oben nach unten vor: Zuerst werden Spinnweben von der Decke entfernt, dann Oberflächen abgewischt, gegebenenfalls Regale und Schränke ausgewischt und erst am Ende die Böden gereinigt. (2)
Autorin: Ich habe es als Kind immer gefürchtet, wenn meine Mutter die Frühjahresputzattacke bekam. Dann wurden alle Fenster aufgerissen, Stühle und Tische verrückt, Teppiche nach draußen gewuchtet, geschüttelt, ausgeklopft. Wir vier Kinder mussten alle aus dem Weg gehen…uns am besten irgendwie unsichtbar machen. Schlechte Stimmung war vorprogrammiert. Vielleicht liegt es daran, dass ich diesem Brauch bis heute wenig abgewinnen kann. Für mich ist der innere Frühjahresputz interessanter. Denn in der christlichen Tradition fällt ja die regelmäßige Fastenzeit vor Ostern immer wiederkehrend in das Frühjahr.
Unsere muslimischen Mitmenschen sind derzeit auch am Fasten. In einer Woche endet der Ramadan und sie feiern das Zuckerfest. Aber der Ramadan, der für Muslime eine Zeit ist, in der sie sich in Dankbarkeit und Mitgefühl üben, in der sie in den Familien zusammenkommen und auch spenden für die Armen, rückt jedes Jahr etwas weiter nach vorne. Derzeit fällt er mit dem Frühling zusammen, aber in ein paar Jahren liegt er mitten im Winter.
Das christliche Osterfest wandert auch. Aber es wird immer am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond gefeiert. Ostern kann also zwischen dem 22. März und 25. April liegen.
Davor liegt die Passionszeit. Sie dauert genau 40 Tage und beginnt Aschermittwoch.
Frühling und Fasten? Glücksgefühle und Passionszeit? Passt das zusammen?
Musik 4: Here comes the Sun
Komposition: George Harrison; Interpretin: Nina Simone; Album: The greatest Hits; Label: RCA; LC: 00316
Autorin: Das Fasten wurde nicht von den Christen erfunden. In fast allen alten Kulturen und Religionen gibt es diese spirituelle Praxis. Immer geht es darum, Körper und Geist zu reinigen, zu stärken, in dem man befristet auf manches verzichtet und dadurch wieder dankbarer wird. Achtsamer.
Im Mittelalter gibt es – vom Papst im Rom vorgeschrieben – knapp 150 Fastentage. Mittwochs und Freitags, dazu die Adventszeit und eben die Passionszeit vor Ostern.
Seit etwas mehr als 40 Jahren gibt es angestoßen von der evangelischen Kirche eine moderne Variante des spirituellen Fastens. Die Aktion Sieben Wochen Ohne. Sie wurde 1983 in Hamburg ins Leben gerufen. Mehr als 3 Millionen Menschen beteiligen sich jedes Jahr daran und lassen sich im Frühling aus dem Trott bringen.
Man kann selbst überlegen, worauf man verzichten will. Sieben Wochen lang, bis Ostern. Viele verzichten auf Alkohol – was ja auch dem Körper guttut. Andere gehen jeden Sonntag spazieren, verbringen mehr Zeit mit Freunden oder meditieren jeden Tag einen Vers aus der Bibel.
Zugegeben: Auch sieben Wochen können lang werden. Es ist nicht ganz leicht, sich aus dem Trott bringen zu lassen. Aber es gibt dem Frühling noch mal einen Kick: Die Natur gibt alles, lässt es wachsen und sprießen und auch ich probiere was Neues, steige aus einer Gewohnheit aus, und schaue, was dann in mir passiert. Wer selbst keine Idee hat, kann sich auch dem Jahresmotto anschließen: Auf der Website von Sieben Wochen ohne findet man das. Es ist immer ein Thema, was in die Zeit passt. 2025 lautet es: „Luft holen. Sieben Wochen ohne Panik.“
Sprecher: Dabei leben wir in atemlosen Zeiten. Gewalt und Hass sorgen uns. Panik verbreitet sich und treibt uns in die Enge. Eine Sprache der Dauerempörung macht uns taub. Immer schwerer wird es, ruhig zu atmen. (…) Die Suche nach dem, was wir wirklich brauchen, die Frage nach den Quellen unseres Trostes und unserer Freude brauchen Zeiten des Luftholens. Ein- und ausatmen, nur das. Der Mensch ist von Anbeginn eng verbunden mit dem Atem Gottes. Gottes Odem schuf in der Schöpfungsgeschichte aus dem Klumpen Erde den ersten Menschen. Ohne Gottes Atem wäre der Mensch tote Materie geblieben. Diesem Odem nachzuspüren, ihn wieder in sich aufzunehmen, braucht bewusste Zeit. Sieben Wochen sind dafür eine gute Spanne. (3)
Autorin: So erklärt der evangelische Landesbischof Ralf Meister das Motto der diesjährigen Aktion „Sieben Wochen ohne Panik“. Wie das gehen soll in einer Welt, in der doch alles derzeit recht wild zugeht und viele Entwicklungen richtig Sorge machen…das ist eine Herausforderung. Finde ich. Aber so ist das mit diesem modernen Fastenweg: Wohin er führt, das müssen Sie und ich dann schon selbst durchleben und herausfinden. Der Weg ist das Ziel.
Musik 5: Nocturne No.2 in E flat, Op.9 No.2
Komponist: Frédéric Chopin; Interpret: Nelson Freire; Album: Chopin: The Nocturnes; Label: Decca Music Group Limited; LC: 00171
Autorin: Der Frühling und das Fasten…ja, da kommt einiges zusammen: Sich von der Natur mitnehmen lassen, aufbrechen, etwas Neues machen, daran glauben, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Wachsen und sprießen.
Der Prophet Jesaja hat dafür vor mehr als 2500 Jahren schöne Worte gefunden. Sie stehen im Alten Testament: „Siehe, ich – Gott - will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?“
Ein Wort, das Jesaja in dunklen Zeiten geschrieben hat. Der Königin von Babylon hatte das Land der Juden besetzt, die Oberschicht war ins Exil verschleppt. Der Rest der Bevölkerung lebt unter fremder Herrschaft mehr schlecht als recht. Der Prophet rät seinen Leuten, genau hinzuschauen, um die Zeichen der Veränderung zu sehen. Er sagt: Gebt die Hoffnung nicht auf. Gott will ein Neues schaffen.
Manchmal hätte ich das auch gerne, dass jetzt jemand kommt, der mir sagt: Das Neue, das Bessere kommt. Gib die Hoffnung nicht auf. Wir werden den Klimawandel stoppen, Eure Kinder, Enkel und Urenkel können den Frühling, all die Farben, das Sprießen der Bäume und Blumen, diese ganze wunderbare Welt noch genauso genießen wie du. Das verspreche ich dir. Es wächst, schau nur hin.
Im Moment, so ist mein Gefühl, ist unser Land voll von anderen Propheten. Sie rufen: „Verdrängt das alles. Schaut nicht genau hin. Schaut eher weg. Hört auf niemanden. Zieht Euer Ding durch. Macht weiter wie immer. Früher war es doch eh alles viel besser. Bloss keine Veränderungen mehr.“
Solche Propheten scheinen einen Nerv zu treffen. Denn wer will schon raus aus seinem Trott? Wer will sich schon freiwillig verändern?
Und wenn ich die Augen aufmache und hinschaue, sehe ich nicht nur die Blumen des Frühlings, das Licht und die Farben, sondern auch vieles andere: Das Leid auf dieser Welt, den Hunger, die Menschen, die vor dem Klimawandel jetzt schon fliehen müssen.
Musik 6: Mahalia Jackson, He’s got the whole world in his hands
Komposition: Geoff Love; Interpretin: Mahalia Jackson; Album: Mahalia Jackson Live At Newport 1958; Label: Sony Music Entertainment; LC: 10746
Autorin: „Gott hält die ganze Welt in seiner Hand“ singt Mahalia Jackson. Das glaube ich fest. Und das bedeutet für mich auch: Wir leben nicht nur für uns selbst. Diese Welt gehört nicht nur unserer Generation. Der Frühling – dieses großartige Geschenk - will für alle blühen.
Deshalb ist die Welt mir nicht egal. Es ist macht mich zum Menschen, dass ich rechts und links schaue. Erkenne, was passiert, was wachsen will und was Gott von mir heute braucht.
Zum Glück gibt es keinen Frühling ohne Ostern. Nach der Passionszeit, nach der Fastenzeit kommt das Osterfest. Jedes Jahr. Auch das ist nicht aufzuhalten.
Viele schmücken ihre Häuser und Gärten mit bunten Eiern. Das Ei galt schon in antiken Religionen als ein Symbol der Fruchtbarkeit und des neuen Lebens.
Das Christentum hat diese Bedeutung aufgenommen: Die Steine des Grabes Jesu sind weggewälzt, Jesus kommt aus dem Grab. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Hass und Gewalt auch nicht.
Für mich ist auch diese Geschichte der Bibel ein Symbol: Dafür, dass es eine große Kraft gibt – ich nenne sie Gott – die Leben will für alle Geschöpfe, für Mensch und Natur. Die Leben schenkt, immer wieder neu. In jedem Frühling, in jeder Blume, in jedem Kind. Die mir Kraft gibt und Hoffnung für diese Welt. Halten wir die Augen auf. Das Leben ist wunderbar und sehr sehr kostbar.
Es verabschiedet sich von Ihnen Pfarrerin Antje Rösener aus Hattingen
Musik 7: Love is in the air
Komposition: Harry Vanda; Interpret: John Paul Young; Album: I Hate the Music; Label: BMG; LC: 01413
Quellen:
Bibel, Hohes Lied, 2.8,10-12, Übersetzung Martin Luther 2017
(2) https://www.oekotest.de/bauen-wohnen/Fruehjahrsputz-Eine-Checkliste-und-Tipps-fuers-effiziente-Saubermachen_11765_1.html, zuletzt aufgerufen am 10.02.2025
(3) https://7wochenohne.evangelisch.de/luft-holen-sieben-wochen-ohne-panik, zuletzt aufgerufen am 10.02.2025
Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth